Anlässlich des Schülerstreiks gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht mit etwa 500 Teilnehmenden sprach ein Verteter der Kasseler VVN-BdA bei der Auftaktkundgebung vor dem Rathaus zur Bedeutung des 8. Mai 1945 und die Losung „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“.
Vielleicht überrascht es euch, wenn hier ein grauhaariger Mensch zu euch reden will, wo ihr doch einen Schülerstreik durchführt. Aber es wird euch nicht überraschen, auch dieser grauhaarige Mensch war einmal Schüler und er war zudem in der Bremer Landesschülervertretung aktiv.
Anfang der 1970er Jahre erinnerten wir in unserer Publikation, die an allen Bremer Schulen verteilt wurde, zum ersten Mal an den 8. Mai 1945, den wir nicht, wie es damals noch üblich war, als „Tag der Kapitulation“ oder des „Zusammenbruchs“ titulierten, sondern tatsächlich als „Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg“.
Wie kamen wir als junge Menschen, die alle nach dem Krieg geboren waren, zu einer solchen Haltung? Wir hatten das Glück – und ich möchte es tatsächlich so bezeichnen –, dass wir Frauen und Männer kennen gelernt hatten, die als Antifaschisten, als Verfolgte des Naziregimes uns zu erklären versuchten, warum aus ihrer Sicht die Erinnerung an die NS-Zeit und insbesondere an den 8. Mai 1945 auch für uns als Nachgeborene von Bedeutung sein müsste.
Sie berichteten, warum sie – unter Einsatz ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit und teilweise sogar ihres Lebens – sich gegen das NS-Regime gewehrt hatten. Z.B. Maria Krüger, die nach der Befreiung als Lehrerin in einer Förderschule arbeitete, erzählte mir, dass sie nur hundert Meter von meiner Schule entfernt in Gestapo-Haft gesessen habe, dort verhört und misshandelt worden sei. Davon hatte ich von meinen Lehrern am humanistischen Gymnasium nie ein Wort gehört. Auch nicht, an wie vielen Orten in der Stadt Bremen sich der Naziterror praktisch abgespielt hatte.
Und die Antifaschisten haben immer wieder betont, warum für sie die Aussagen „Nie wieder Faschismus!“ und „Nie wieder Krieg!“ untrennbar zusammengehören. Sie vermittelten uns, wie die Errichtung der faschistischen Herrschaft 1933 mit dem langfristigen Ziel geschah, Deutschland kriegsfähig zu machen und die expansionistischen Ziele des deutschen Kapitals, den „Griff nach der Weltmacht“, wie es schon damals hieß, zu verwirklichen.
Ich wusste zwar, dass in meiner Heimatstadt im Zweiten Weltkrieg Vieles durch Bomben zerstört worden war. Die Antifaschisten erklärten uns jedoch, was das mit dem NS-Regime zu tun hatte und dass die Nazigegner 1945 ein politisches Programm für einen antifaschistisch-demokratischen Neuanfang besaßen, der nicht ein „weiter so“ bedeutete, sondern eine gesellschaftliche Veränderung im Interesse der Mehrheit der arbeitenden Menschen beinhaltete.
Natürlich sagten sie uns auch, wie diese Visionen an den politischen Rahmenbedingungen, den Vorgaben der Westalliierten, aber auch der Restaurationspolitik der Adenauerzeit gescheitert sei. Und sie berichteten, wie mit der Remilitarisierung, dem Aufbau der Bundeswehr erneut ein Kriegskurs eingeschlagen wurde. Ehrlicherweise hat mich damals aber am meisten beeindruckt, als sie von den Aktionen der Jugendorganisation FDJ („Freie deutsche Jugend“), die es auch in der BRD gab, aber bereits 1951 als angebliche „Verfassungsfeinde“ verboten wurde, erzählten, wie die jungen Leute mit kreativen Aktionen dieser Remilitarisierung entgegen getreten sind. Diese Berichte von Frauen und Männern aus Widerstand und Verfolgung haben mich so beeindruckt, dass ich seit Mitte der 1970er Jahre Mitglied in deren Organisation, der VVN-BdA, bin.
Als ich später nach Kassel kam und wir hier über den 8.Mai und die Aktualität der Losung „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ für Kassel diskutierten, erfuhr ich, dass es auch in dieser Stadt solche kreativen Widerstandsaktionen gegeben hat, z.B. dass Sprengschächte an der Fuldabrücke von jungen Friedenskämpfern zugemauert worden waren, um sie unbrauchbar zu machen. Für mich zeigt es, wie viele Anknüpfungspunkte der 8. Mai 1945 als „Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg“ auch in Kassel hat. Sei es am Ehrenmal für die Opfer des Faschismus im Fürstengarten, sei es hier am Aschrott-Brunnen zur Erinnerung an die Ausgrenzung jüdischer Kultur, seien es die zahlreichen Stolpersteine für Verfolgte und Opfer des NS-Terrors oder das ehemalige Polizeipräsidium im Königstor, wohin seit 1933 Frauen und Männer, die das Regime als Gegner bezeichnete oder nicht zur „Volksgemeinschaft“ Gehörende, verbracht wurden.
Ihr seht, eure Aktion gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht verbindet sich nicht nur mit den Orten der Rüstungsproduktion, sondern auch mit den zahllosen Erinnerungsorten zur NS-Herrschaft in dieser Stadt.
In diesem Sinne bleibt die Losung der Frauen und Männer aus Widerstand und Verfolgung vom 8. Mai 1945 „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“ aktuell. Aber es ist wie vor gut 50 Jahren, wir als Ältere können euch gerne Hinweise geben, euch unterstützen, es besser zu verstehen, aber es liegt an euch, was ihr daraus macht!








